Amnesty Journal Deutschland 19. August 2021

Netzwerken gegen die Erhitzung

Ein kleiner Setzling, der ein herzförmiges Blatt ausbildet in einer Mangrovenpflanzung in Mosambik.

Mangrovensetzling: Die Pflanzen schützen die Küsten vor Überschwemmungen und binden große Mengen CO2 aus der Atmosphäre (Mosambik, Beira, 2020).

Für ihr Buch "Zwei am Puls der Erde" sind die beiden Reporter_innen Theresa Leisgang und Raphael Thelen durch alle Klimazonen gereist. Auf ihrer Route von Südafrika bis zum nördlichen Polarkreis sind sie Menschen begegnet, die schon heute mit den Folgen der Klimakrise kämpfen.

Interview: Tobias Oellig

Ein kleiner Park an der Friedrichsstraße in Berlin. Raphael Thelen und Theresa Leisgang kommen auf einem E-Roller angefahren. Die Sonne scheint, wir setzen uns auf die Wiese. Auf dem Wandbild eines angrenzenden Hauses sieht man einen Erdball an einem sehr dünnen Faden hängen –  passt zum Thema: Die beiden haben sich für ihr Buch auf die Spur der Klimakrise gemacht. Hinter uns baut das Team vom mobilen Spielwagen eine kleine Sommerrodelbahn auf, Kinder aus der Nachbarschaft strömen fröhlich herbei. Schwer vorstellbar, in welcher Welt sie einmal leben werden. Ein unbeschwerter Sommertag in einem Berliner Park – anderswo drängen die Folgen des Klimawandels mit Wucht in den Alltag vieler Menschen.

Hitzewellen, Waldbrände, Dürre, Überschwemmungen – die Klimakrise hinterlässt weltweit immer offensichtlicher ihre Spuren. Sie sind zu solchen Orten gereist, was hat Sie zu dieser Recherche motiviert?

Leisgang: Die Klimakrise ist als Thema so groß, dass sie kaum greifbar ist. Wir wollten uns selbst ein Bild von ihren Auswirkungen machen und erfahren, wie unsere Nachbarn damit umgehen, die weiter südlich und nördlich bereits von den Folgen betroffen sind.

Thelen: Es ging auch darum, uns der eigenen Angst und Ungewissheit zu stellen und dem Gefühl der Hilflosigkeit etwas entgegenzusetzen, indem wir herausfinden, was auf uns zukommen wird.

Ein Mann mit Bart und Mütze und eine Frau mit langem Haar stehen im Halbschatten unter einem Baum.

Die Autor_innen Raphael Thelen und Theresa Leisgang.

An welchen Orten wurde es für Sie besonders spürbar, dass die Klimakrise auch eine Menschenrechtskrise ist?

Thelen: Kapstadt zum Beispiel wirkte auf mich wie ein Abbild globaler Strukturen. Während der letzten Wasserkrise konnte die weiße Oberschicht dort noch ihre Pools füllen und gekühlten Weißwein trinken. Zugleich musste sich die Familie einer Aktivistin, die wir dort trafen, zu fünft 25 Liter Wasser pro Tag teilen. Dort wurde auch deutlich, dass wir Privilegierten uns noch lange aus der Krise herauskaufen können, während die Menschenrechte anderer schon längst über Bord gegangen sind. Aber der Begriff der Menschenrechte ist mir beim Thema Klima fast zu eng. Ich würde noch tiefer gehen, Stichwort Ökozid. Es gibt einen Genozid-Strafgerichtshof – sollte es nicht auch einen Ökozid-Strafgerichtshof geben? Warum hat die Natur fast keine Rechte?

Leisgang: Die Grenzübergänge haben meine Perspektive verändert. Es  werden immer mehr Menschen infolge der Klimakrise vertrieben, die zu Hause bleiben wollen. Für ihr Recht auf Bleiben gibt es keine rechtliche Grundlage. Und für alle, die aufgrund des Klimas Asyl beantragen wollen, bislang auch nicht.

Was haben Sie von den Menschen lernen können, die Sie unterwegs getroffen haben?

Thelen: In Südafrika haben wir Ayakha Melithafa getroffen. Eine Schülerin, deren Familie von der extremen Dürre und dem Mangel an sauberem Wasser stark betroffen war, ihr Bruder wäre fast daran gestorben. Zunächst von Trauer und Angst gelähmt, schloss sie sich einer Klimaorganisation an. Zusammen mit anderen Jugendlichen legte sie vor der UNO eine Beschwerde gegen Industriestaaten wie Deutschland ein, weil diese ihre Zukunft gefährdeten. Beim Weltwirtschaftsforum in Davos traf sie Greta Thunberg, später lud der südafrikanische Präsident Cyril Ramaphosa sie ins Parlament ein. Sie ist ein Beispiel dafür, wie weit man kommt, wenn man sich mit anderen zusammenschließt.

Eine schwarze junge Frau steht vor einem Sonnenuntergang in der Natur und lächelt.

Ayakha Melithafa reichte mit anderen Jugendlichen vor den Vereinten Nationen eine Beschwerde gegen Industriestaaten wie Deutschland ein, weil diese ihre Zukunft gefährdeten.

In Mosambik haben Sie Menschen getroffen, deren Lebensgrundlage schon lange von solchen Extremwettereignissen gefährdet wird, wie wir sie nun auch in Deutschland erleben. Welche Lösungen werden dort gefunden?

Leisgang: Mir ist dort klar geworden, wie wichtig die Stärkung von Frauenrechten ist, um sicher durch Krisen zu kommen. 2019 verwüstete der Zyklon "Idai" große Teile des Landes, es war einer der schlimmsten Stürme der Südhalbkugel seit Beginn der Wetteraufzeichnungen. Die Frauen rund um die Küstenstadt Beira hatten sich in den Jahren vor dem Sturm in dem feministischen Netzwerk GMPIS organisiert, um für ihre Rechte einzutreten. Nach dem Sturm halfen sie sich gegenseitig, ihre Familien zu ernähren, Häuser wieder aufzubauen, Felder zu bestellen und mit traumatischen Erlebnissen umzugehen. Das ist etwas, das im patriarchalen Denken und in unserer Karrierewelt oft vernachlässigt wird: sich Zeit nehmen für Nachbarschaftsarbeit, Netzwerke und eine Verbundenheit schaffen, die durch eine Krise hilft. Das sind alles Aktivitäten, die oft eher Frauen zugeschrieben werden – und meistens unbezahlt sind. Die Frauen in Beira haben nach dem Sturm auch aktiv Hilfe für besonders Benachteiligte organisiert: etwa für alleinerziehende Mütter oder Frauen mit Behinderung. Das können große NGOs oft nicht leisten, das gelingt nur, wenn es schon ein funktionierendes Nachbarschaftsnetzwerk gibt. Das war sehr inspirierend für mich.

Gerecht wäre, den Forderungen aus dem globalen Süden nachzukommen, die es schon lange gibt, die aber nicht gehört werden: nach einem Recht zu bleiben, nach einem Klimapass oder nach Reparationszahlungen.

Theresa
Leisgang
Klimareporterin

Während Ihrer Recherche erfasste die Pandemie die Welt, Sie mussten die Reise unterbrechen, das Buch drohte zu scheitern. Und weltweit wurde deutlich, dass auch die Coronakrise eine Gerechtigkeitskrise ist.

Leisgang: Ja, weil auch unser Gesundheitssystem nicht darauf ausgerichtet ist, Gerechtigkeit zu schaffen. Es gibt nach wie vor keine Freigabe der Impfstoffpatente. Die bräuchte es aber, um die Pandemie global in den Griff zu bekommen. Auf die Klimakrise übertragen hieße das, anzuerkennen, welche Ungerechtigkeiten sie produziert. Wie viel Schaden die Eliten im globalen Norden und weltweit schon angerichtet haben. Gerecht wäre, den Forderungen aus dem globalen Süden nachzukommen, die es schon lange gibt, die aber nicht gehört werden: nach einem Recht zu bleiben, nach einem Klimapass oder nach Reparationszahlungen. Es muss Geld verteilt werden, damit Länder wie Mosambik eine Chance haben, sich an die weiteren Klimaschäden anzupassen. Das wäre eine Art von Klimagerechtigkeit. Realpolitisch geht es darum, anzuerkennen, dass die Klimakrise nicht nur eine Umweltkrise ist, sondern eine soziale und Gerechtigkeitskrise.

Für Ihre Recherche sind Sie weitgereist. Als wer sind Sie losgefahren, als wer sind Sie zurückgekommen?

Leisgang: Ich bin als Suchende losgefahren, im Gepäck die Fragen: "Kann man noch Kinder bekommen in so einer Welt?" Und: "Was passiert da gerade rund um den Globus?" Die Angst, die wir hatten, ist nun geringer. Interessanterweise nicht, weil wir gesehen haben, dass alles okay ist. Aber weil nun klarer ist, dass es viele Wege gibt, der Klimakrise jeden Tag aktiv zu begegnen.

Thelen: Eine Erkenntnis ist: Unser Immer-mehr-tun ist nicht die Antwort. Sich immer noch weiter in diese Beschleunigung hineinzusteigern, ist auch eine Ursache dieses existenziellen Problems, in dem wir stecken. Ich glaube, ich bin ehrlicher geworden, und konnte mir eingestehen, dass ich das System mitgetragen habe, indem ich viel zu viel gearbeitet habe. Und dass es um die Möglichkeiten geht, sich mit anderen zu verbinden: Wie viele Menschen können wir erreichen mit unserem Thema, mit wie vielen können wir ein Netzwerk gründen, dass uns in einer Krise schützen kann? Ein Netzwerk, mit dem man vielleicht auch mal einen Wald besetzen und so vor der Zerstörung bewahren kann. Darum geht's.

Tobias Oellig ist freier Journalist. Namentlich gekennzeichnete Beiträge geben nicht unbedingt die Meinung von Amnesty International wieder.

WEITERE INIFOS

DIE AUTOR_INNEN

Theresa Leisgang, 32, ist Anthropologin und Journalistin. Sie arbeitet seit knapp zehn Jahren zu Menschenrechten und Naturthemen.

Raphael Thelen, 35, ist Reporter und Autor. Seine Reportagen sind im Spiegel, der Zeit und dem SZ-Magazin erschienen.

Website: https://am-puls-der-erde.de

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